Diakonie Fürth - Geschichte
Der Fürther Kaufmannssohn Wilhelm Löhe war ein wichtiger Initiator der Diakonie in Deutschland. Foto: Stadtarchiv Fürth
Am Kirchenplatz 3 befand sich mehr als 100 Jahre lang die Fürther Diakoniestation.

Im Wechsel der Zeiten

Ein Streifzug durch 150 Jahre diakonische Arbeit in Fürth

Die Anfänge

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entstand in Deutschland an verschiedenen Orten eine neue Form kirchlicher Sozialarbeit. Im Gegensatz zu mittelalterlichen Traditionen der Wohltätigkeit durch einzelne Stifter, entwickelten sich nun bürgerliche Vereine, um der sozialen Not zu begegnen. Im Zuge der Industrialisierung  kam es besonders in den Städten zu Verarmung, Hunger, Obdachlosigkeit, Krankheiten und Kinderverwahrlosung in den neuen proletarischen Schichten. Hier wollten die Bürger mit ihren Initiativen eingreifen. Zu den Gründervätern der Diakonie gehören der in Hamburg wirkende Pastor Johann Hinrich Wichern, der 1833 das Rauhe Haus als Kinderheim gegründet hatte, und der 1808 in Fürth geborene bayerische Pfarrer Wilhelm Löhe, der 1849 die „Gesellschaft für innere Mission nach dem Sinne der Lutherischen Kirche“ ins Leben rief. Beide erkannten, wie wichtig qualifizierte  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Gelingen ihrer Arbeit waren und begannen deshalb mit der Ausbildung von Fachpersonal. Löhe gründete dafür 1854 die Diakonissenanstalt in Neuendettelsau. Auch in Fürth entstandene verschiedene sozial engagierte kirchliche Vereine. Zu den noch heute existierenden Gründungen gehören der "Lutherische Verein für weibliche Diakonie" mit einer ersten „Krankenwartstation“ für die ambulante Pflege und dem Kinderheim St. Michael. Der "Deutsch-Evangelische Frauenbund" errichtete 1908 das Gebäude Ottostraße 5 als Heim für Arbeiterinnen, 1928 das Sofienheim in der Südstadt (Schwabacher Straße) für „gefährdete Mädchen“. Heute betreibt der DEV noch das Haus für Mutter und Kind in der Frühlingstraße.

Emmy Humbser (1877-1954) prägte als Vorsitzende des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts die diakonische Arbeit in Fürth.
Diakonissen und Diakonische Schwestern, hier Schwester Erna Kroker 1964 in Stadeln, übernahmen bis in die 1980er Jahre hinein die ambulante Versorgung in den Kirchengemeinden.

Weimarer Republik und Nationalsozialismus

Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die zunehmende Arbeitslosigkeit führten in der Weimarer Republik zu neuen sozialen Notständen, an denen auch das gemeinsame Engagement der Wohlfahrtsverbände (u.a. Innere Mission und katholische Caritas) nicht viel änderte. Zu Beginn der nationalsozialistischen Diktatur waren die Sympathien in weiten Teilen der evangelischen Kirche und Diakonie eindeutig auf Seiten der braunen Machthaber. Die parteieigene „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ (NSV) verdrängte die freien Wohlfahrtsverbände. Zwar wurden Innere Mission und Caritas nicht verboten wie die Arbeiterwohlfahrt oder die Zentralwohlfahrtsstelle der Deutschen Juden, jedoch mussten sie erhebliche Einschränkungen hinnehmen. Um der Gefahr der Gleichschaltung zu begegnen, gab die Innere Mission bereits 1933 ihre bisher sorgsam bewahrte Unabhängigkeit gegenüber der Bayerischen Landeskirche auf und unterstellte sich und ihre Einrichtungen dem neuen Landesbischof Hans Meiser. 

Den größten Eingriff in die Arbeit der Inneren Mission und Diakonie stellen die Ermordungen im Rahmen des "Euthanasie"-Aktionen dar. In den Jahren 1939 bis 1945 fielen an die 200.000 Menschen der sogenannten Aktion "T4" zum Opfer. Auch viele Menschen aus Franken. So kamen aus den Pflegeanstalten Bruckberg und Neuendettelsau hunderte Menschen in die staatlichen Heil-und Pflegeanstalten Ansbach und Erlangen, von wo aus sie in die Tötungsanstalten kamen. In Fürth selbst gab es keine solche Heil- und Pflegeanstalt, aber der Abtransport der Behinderten passierte im unmittelbaren Umfeld. Leider gibt es keine Hinweise darauf, dass gegen diese systematische Ermordung wehrloser Menschen von Seiten der evangelischen Kirche oder der Diakonie in Fürth protestiert worden wäre.

Pfarrer Otto Seiter war 1950 -1964 Geschäftsführer der Inneren Mission Fürth.

Die Nachkriegszeit

Das Kriegsende im Mai 1945 brachte mit Hunger, Wohnungsnot und Flüchtlingen neue Herausforderungen, auch für die Diakonie in Fürth. Weil Fürth nicht zerstört war, kamen viele Evakuierte, Obdachlose und Flüchtlinge in die Stadt. Bei Kriegsende lebten hier ca. 60.000 Menschen. Im Dezember waren es bereits 89.000, im Oktober 1946 schon 95.000 und im Sommer 1948 wurde die Grenze der 100.000 überschritten. Insgesamt 22.000 Flüchtlinge fanden Aufnahme. Sie lebten in 44 Massenquartieren (in Lagern, Schulen, Gasthäusern, Luftschutzbunkern u.ä.).
 
Zunächst wurde die kirchliche Unterstützung über das "Evangelische Hilfswerk" (im Herbst 1945 von Eugen Gerstenmaier gegründet) organisiert. Es hatte in Fürth seinen Sitz in der Krankenwartstation am Kirchenplatz und kümmerte sich um die Verteilung von Lebensmitteln und Kleidung und ab 1946 von Care-Paketen. Um die Hilfskräfte zu bündeln und zu verstärken, riefen Kirchenrat Rudolf Fürst und Pfarrer Otto Ammler, unterstützt von Dr. Otto Seeling, dem Vorstand der Fürther Spiegelglasfabriken, am 1. Dezember 1949 den "Verein für Innere Mission im Kirchen­bezirk Fürth" ins Leben, in dem das Evangelische Hilfswerk aufging. Geschäftsführer war von 1950 bis 1964 Pfarrer Otto Seiter. Die Geschäftsstelle befand sich im Rückgebäude des Anwesens Alexanderstraße 28, einem ehemaligen Pferdestall.

Auch die Wohnungsnot versuchte man zu begegnen. 1950 übernahm die Innere Mission das alte Carolinenstift. Es bekam 1965 einen Neubau an der Frühlingstraße. 1959 wurden vom Evangelischen Siedlungswerk in Zusammenarbeit mit der Inneren Mission Wohnungen für Spätaussiedler in der Friedrich-Ebert- und Fronmüllerstraße gebaut. Für die Flüchtlingskinder entstanden neue Kindergärten, zunächst als Barackenbauten. Ein Arbeitsschwerpunkt war die Vermittlung von Ferienerholungen für Kinder und von Kurmaßnahmen für Frauen in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Mütterdienst.

In Sichtweite des Löhe- Denkmals am Kirchenplatz finden sich heute die Diakoniestation Fürth.
Seit Juni 2013 sitzt die Diakonie Fürth im neuen Haus an der Königswarterstraße 56-60.

Neue Arbeitsschwerpunkte

In den 60er Jahren kamen verstärkt die Bedürfnisse von Senioren in den Blick. Die Lehrlingswohnheime Luisen- und Sofienheim wurden in Altersheime umgewandelt. 1965 wurde das Seniorenheim Gustav-Adolf in Zirndorf bezogen, 1975 das völlig umgebaute Sofienheim. Aus dem Lehrlingswohnheim in der Friedrich-Ebert-Straße wurde ein von der Stadt gepachtetes Schwesternwohnheim ehe es ab 1977 der Lebenshilfe als Behindertenwohnheim diente.

1979 wurde aus dem „Verein für innere Mission“ das Diakonische Werk Fürth. Die gesellschaftlichen Fragestellungen veränderten sich und mit ihnen die Aufgaben für die Diakonie.  So wurde das Beratungsangebot seit den 70er Jahren kontinuierlich ausgebaut und war von 1988 bis 2013 im ehemaligen Luisenheim in der Ottostraße 5 gebündelt.

Seit Sommer 2013 sitzt die Diakonie Fürth in neuem Haus an der Königswarterstraße 56-60. Ob Armut, Arbeitslosigkeit, psychische Erkran-kungen, Erziehungs-, Familien- und Jugendberatung für den Landkreis, Schuldner- und Insolvenzberatung, Fachstelle für pflegende Angehörige oder Probleme bei Sexualität und Schwangerschaft - das Haus der Diakonie ist eine wichtige Adresse für Menschen in Not.

Durch die verbesserten Möglichkeiten der Ambulanten Pflege veränderten sich die Ansprüche an die stationären Einrichtungen der Altenhilfe, die sich von Seniorenwohnheimen zu Seniorenpflegeheimen entwickelten. Den neuen Bedürfnissen entsprechend wurde das Gustav-Adolf-Heim in Zirndorf 2003 umfassend saniert. Das Sofienheim erhielt 2008 einen Neubau am Südstadtpark.

Barbara Ohm/Ute Baumann