Warum der Schulweg Kinder stark macht
Schulstart nach den Ferien: Erziehungsberatung der Diakonie Fürth rät Eltern, Kindern Selbstständigkeit zuzutrauen
Wenn nach den Sommerferien die Schule wieder beginnt, startet für viele Kinder nicht nur ein neues Schuljahr. Gerade für Erstklässlerinnen und Erstklässler beginnt auch ein neuer Alltag – und dazu gehört der tägliche Weg zur Schule. Welche Bedeutung dieser vermeintlich kleine Weg für die Entwicklung von Kindern haben kann, betont die Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Diakonie für den Landkreis Fürth zum Schulstart.
"Der Schulweg ist viel mehr als die Strecke von zu Hause bis ins Klassenzimmer. Kinder lernen dabei, sich zu orientieren, Gefahren einzuschätzen, Entscheidungen zu treffen und zunehmend Verantwortung für sich selbst zu übernehmen", sagt Corinna Lippert, Diplom-Sozialpädagogin und Leiterin der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Diakonie für den Landkreis Fürth.
Jeder eigenständig bewältigte Weg könne dazu beitragen, Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Auch sozial bietet der Schulweg wichtige Erfahrungen. Kinder treffen Freundinnen und Freunde, handeln Regeln aus oder lösen kleinere Konflikte – ohne dass Erwachsene unmittelbar eingreifen. Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme, Kommunikation und Problemlösefähigkeit werden dabei ganz nebenbei trainiert.
Vor vielen Schulen zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto bis möglichst nah an den Eingang. Die Gründe dafür sind oft nachvollziehbar: Zeitdruck oder die Sorge, dem Kind könne unterwegs etwas passieren. "Elterliche Sorge ist verständlich. Sicherheit entsteht aber nicht ausschließlich dadurch, dass wir Kinder vor Risiken schützen", unterstreicht Corinna Lippert. "Kinder brauchen altersgerechte Gelegenheiten, in denen sie erfahren: Ich kann eine Situation selbst bewältigen. Genau dieses Erleben stärkt sie."
Dabei bedeutet Selbstständigkeit nicht, Kinder unvorbereitet loszuschicken. Jennifer Inhof, Sozialpädagogin und Fachberaterin der Diakonie Fürth, empfiehlt Eltern, den Schulweg zunächst gemeinsam einzuüben: "Eltern können mit ihrem Kind sichere Wege auswählen, schwierige Verkehrssituationen besprechen und gemeinsam überlegen, was es tun kann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. So wächst Sicherheit Schritt für Schritt."
Dazu gehört auch, Kinder auf Begegnungen mit fremden Personen vorzubereiten, ohne ihnen Angst zu machen. Sie können lernen, Abstand zu halten, deutlich Nein zu sagen und sich gezielt Hilfe zu holen – beispielsweise in einem Geschäft oder bei bekannten Familien in der Nachbarschaft. "Entscheidend ist, Kindern konkrete Handlungsmöglichkeiten mitzugeben. Wer weiß, was sie oder er in einer schwierigen Situation tun kann, fühlt sich weniger ausgeliefert", sagt Jennifer Inhof.
Auch die digitale Kontrolle per Smartphone oder Tracking-App sollten Eltern bewusst abwägen. Sie kann zwar beruhigen, zugleich aber das Signal vermitteln, dass das Kind ohne ständige Kontrolle nicht zurechtkommt. "Vertrauen entsteht auch dadurch, dass Eltern etwas zutrauen und ein Stück Verantwortung abgeben", betont Corinna Lippert.
Die Fachkräfte der Diakonie raten deshalb, zum Schulstart zu prüfen, welche Wege Kinder ihrem Alter und Entwicklungsstand entsprechend bereits selbst oder gemeinsam mit anderen Kindern bewältigen können. Denn der Schulweg bietet etwas, das im durchgetakteten Alltag oft knapp ist: einen überschaubaren Freiraum, in dem Kinder eigene Erfahrungen sammeln können.